Der Gemeinderat kennt die Bedürfnisse im Oktober – den Planungskredit will er erst Ende 2028 beantragen
Bei Vereinen und Lehrpersonen fragt der Gemeinderat ernsthaft nach den Bedürfnissen. Bei der Stimmbevölkerung nicht. Und sein eigener Fahrplan verrät, dass die entscheidende Weiche erst in Jahren gestellt werden soll – obwohl der Handlungsbedarf schon heute drängt.
Wer in Fislisbach einen Verein präsidiert und zugleich stimmberechtigt ist, hält dieser Tage zwei Fragebögen in der Hand. Beide kommen vom Gemeinderat, beide betreffen den Schulcampus Leematten, beide stammen vom Institut Sotomo. Es lohnt sich, sie nebeneinanderzulegen – denn sie sind erstaunlich verschieden.
Der Fragebogen für Vereine und Lehrpersonen macht einen guten Eindruck. Er fragt systematisch, welche Anlagen genutzt werden und wo im Alltag Mängel auftreten. Vor allem aber gibt er den Befragten Raum, ihre Bedürfnisse und Anforderungen an die künftige Infrastruktur mit eigenen Worten und möglichst konkret zu schildern. Das ist genau die strukturierte Bedarfserhebung, die sich viele seit Langem wünschen. Dafür gebührt dem Gemeinderat Anerkennung – hier will jemand wirklich verstehen, was gebraucht wird.
Und die Bevölkerung?
Umso mehr fällt auf, was der Stimmbevölkerung vorgelegt wird. Ihr Fragebogen fragt nicht nach Bedürfnissen, sondern nach fertigen Endzuständen – und lässt kaum Spielraum:
- Bei den Schulhäusern, der Turn- und Mehrzweckhalle gibt es nur drei Antworten: alles sanieren, alles ersetzen oder alles belassen. Naheliegende Zwischenwege – zum Beispiel ein Gebäude aufstocken, eine Turnhalle in Schulraum umnutzen, nur die ältesten Gebäude ersetzen – fehlen. Wer differenziert denkt, findet kein Feld zum Ankreuzen.
- Bei den Aussensportflächen behauptet die Frage schon im Fragetext, ein Neubau «würde eine Verkleinerung erfordern» – eine Annahme, die nie mit Varianten geprüft wurde, den Befragten aber als Tatsache vorgesetzt wird.
- Beim Steuerfuss wird ein Neubau an die Bereitschaft zu einer Steuererhöhung gekoppelt, ohne die Finanzlage offenzulegen – obwohl die Gemeinde laut eigenen Zahlen trotz Defizitprognosen regelmässig Überschüsse erzielt.
Man kann gute Gründe haben, den Schulkörper und die Vereine anders zu befragen als den Rest der Stimmberechtigten. Offene Antworten lassen sich in kleiner Zahl gut auswerten, in grosser kaum. Das erklärt, warum der Bürgerfragebogen mit festen Antworten arbeitet. Es erklärt aber nicht, warum diese Antworten den Lösungsraum künstlich verengen und mit ungeprüften Annahmen operieren. Geschlossene Fragen können neutral sein – diese sind es nicht.
So bleibt ein unbehaglicher Befund: Ausgerechnet jene Gruppe, die den Schulcampus am Ende bezahlt und darüber abstimmt, durfte am wenigsten frei antworten. Warum wurde das so gehandhabt? Und was bezweckt der Gemeinderat damit? Diese Fragen sind unbequem – aber sie sind berechtigt.
Ein Fahrplan, der die Reihenfolge umkehrt
Noch mehr zu denken gibt der Zeitplan, der an einem Elternabend der fünften Klasse unlängst präsentiert wurde. Die Ergebnisse der Befragung sollen bereits am 15. Oktober 2026 vorliegen. Fünf Tage später findet die Informationsveranstaltung statt, im November die Wintergemeindeversammlung. Der Gemeinderat hätte das Bedürfnisbild also frühzeitig auf dem Tisch.
Handeln will er trotzdem erst viel später. Laut seiner eigenen Darstellung soll die neue Vorlage erst im Juni 2027 zur Beschlussfassung kommen – und der Planungskredit für die Erweiterung des Schulcampus sogar erst an der Wintergemeinde 2028. Zwischen dem Vorliegen der Bedürfnisse und dem ersten echten Planungsschritt liegen damit über zwei Jahre.
Vor allem aber steht die Reihenfolge auf dem Kopf. Ein Planungskredit ist dazu da, Varianten und Szenarien überhaupt erst sauber zu erarbeiten – Sanierung gegen Neubau, mit Kosten, Nutzen und Zukunftsfähigkeit. Er gehört an den Anfang eines ergebnisoffenen Prozesses, nicht ans Ende. Im Fahrplan des Gemeinderats aber kommt zuerst die Beschlussfassung über eine überarbeitete Vorlage – und der Planungskredit für die Erweiterung erst danach. Damit wäre die grundsätzliche Weiche gestellt, bevor die eigentliche Planung begonnen hat.
Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus dem Nein an der Urne wirklich etwas Neues entsteht – oder nur eine leicht überarbeitete Fassung des alten Projekts.
Hier ist ein Missverständnis auszuräumen, das gelegentlich zu hören ist. Die IG hat nie einen Neustart bei null oder ein jahrelanges Hinauszögern verlangt – im Gegenteil. Der Bedarf am Schulcampus ist real und unbestritten; das wissen wir aus den vielen Rückmeldungen von Schule, Vereinen und Bevölkerung. Gerade deshalb fordert die IG ein zügiges, aber bedarfsgerechtes Weiterfahren: rasch die richtigen Grundlagen schaffen und dann vorwärtsmachen. Was sie ablehnt, ist nicht Tempo, sondern die falsche Reihenfolge – bauen, bevor man weiss, was gebraucht wird.
Und der dringende Unterhalt?
Damit stellt sich eine weitere Frage, welche die Schulleitung auf ihrer eigenen Folie aufwirft. Die Befragung soll die «dringendsten Massnahmen zur Sicherstellung des Schulbetriebs» klären. Der Gemeinderat anerkennt also, dass es dringende Arbeiten gibt. Nur: Diese Arbeiten sind im ordentlichen Jahresbudget nicht enthalten, und der Sanierungskredit wurde an der Urne abgelehnt. Wie also will der Gemeinderat den dringendsten Unterhalt finanzieren, wenn das reguläre Budget dafür nicht ausreicht und kein Sonderkredit dafür vorliegt? Werden nötige Arbeiten aufgeschoben, bis 2027 oder 2028 grössere Entscheide fallen – oder braucht es dafür nicht ohnehin bald einen eigenen, klar begründeten Kredit?
Was jetzt zu tun wäre
Die naheliegende Frage lautet: Warum nicht gleich richtig beginnen? Wenn die Bedürfnisse im Oktober bekannt sind, könnte der Gemeinderat schon an der Informationsveranstaltung vom Oktober und an der Wintergemeinde im November den Weg für einen Planungskredit ebnen – zumindest für die erste Phase: eine ehrliche Variantenprüfung und ein Grobkonzept mit Zielbild. Danach wüsste die Bevölkerung, worüber sie überhaupt entscheidet – und das Projekt käme rasch und auf solider Grundlage voran, statt in der Warteschlaufe zu verharren.
Die IG hält an ihrer ausgestreckten Hand fest. Sie will den Prozess nicht blockieren, sondern vorwärtsbringen: zuerst die Bedürfnisse erheben – was bei Schule und Vereinen erfreulicherweise geschieht –, dann ergebnisoffen planen, und erst dann entscheiden. Zügig, aber in dieser Reihenfolge, nicht in umgekehrter.
Und bis dahin: Füllen Sie die Umfrage ruhig aus – aber lassen Sie sich von den vorgegebenen Antworten nicht einreden, es gäbe nur «alles oder nichts». Nutzen Sie das Bemerkungsfeld. Ihre Stimme ist differenzierter, als der Fragebogen es zulässt.
Interessengemeinschaft (IG) Schulcampus Leematten, Fislisbach